Es geht ums Prinzip!

Liebe Leser:innen, liebe Besucher:innen unserer Seite,

die Idee eines Zentrums für Prinzipienforschung geht zurück auf Gespräche über die Rolle der akademischen Philosophie, die Alexander Schnell, Thomas Arnold und ich im März 2021 begonnen haben. Uns wurde bewusst, dass es zwar etliche philosophische Angebote gibt, die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigen. Die eigentliche Kernkompetenz der Philosophie aber, ihre Auseinandersetzung mit Ursprüngen, Gründen und Prinzipien, gilt als zu schwierig, zu unverständlich und zu dunkel, um sie einer interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln.

Es stimmt: Die Frage nach Prinzipien in der Philosophie gehört in den Bereich, den man oft etwas antiquiert als „Königsklasse“ der philosophischen Reflexion ausweist. Sie erfordert eine strikte Disziplin die eigenen Voraussetzungen betreffend, weil man sonst als Prinzip nur findet, was man schon vorausgesetzt hat. Sie erhebt aus dem gleichen Grund den Anspruch, die Schulformen der Philosophie zugunsten einer komparatistischen, also vergleichenden Perspektive zu überwinden. Prinzipienforschung hat es mit einem Plural philosophischer Prinzipien zu tun – und darin liegt ein genuines Problem der Philosophie selbst: Gibt es nur ein Prinzip oder gibt es viele? Und wenn es viele gibt: Wie verhalten sie sich zueinander?

Nicht nur für die philosophisch interessierte Öffentlichkeit, sondern auch für einige unserer Kolleg:innen in der akademischen Philosophie ist die Frage nach Prinzipien eine Frage, die vielleicht historisch oder literarisch interessant ist, die aber unsere Gegenwart nicht betrifft. Dabei greifen wir auch heute ständig auf Prinzipienfiguren zurück, die einfach nur nicht mehr „das Absolute“, „das Eine“ oder „transzendentales Ego“ heißen, sondern „Gehirn“, „evolutionäre Programmierung“, „Intuitionen“, „Menschenrechte“, „Kultur“ oder „anthropologische Konstante“. Die Verabschiedung der philosophischen Prinzipienforschung als Kernbereich der Philosophie, wie sie das 19. Jahrhundert vollzogen hat, führte in vielen Fällen dazu, dass philosophische Prinzipienansprüche in Bedingungen empirischer Weltbeschreibung übersetzt wurden. Nicht immer ließ sich dabei ausschließen, dass diese Übersetzungen die gleichen metaphysischen Funktionen erfüllten, deren Überwindung das Ziel dieser Übersetzungen war.

Die Metaphysikkritik des 20. Jahrhunderts, in der die allzu selbstsicheren rationalen Ansprüche des 19. Jahrhunderts von ganz verschiedenen Seiten einer Überprüfung unterzogen wurden – von der Phänomenologie über den kritischen Rationalismus und den Neopragmatismus bis zur Kritischen Theorie und der sogenannten „Postmoderne“ – hat gezeigt, dass man prinzipiellen Ansprüchen nicht dadurch entkommt, dass man ihre vergangene Ausprägung einfach von der eigenen Tradition ausschließt. Die Prinzipienfrage ist so eng mit der Philosophie selbst verwoben, dass sie sich immer wieder aufs Neue einstellt. Wenn es eine Besonderheit unseres sogenannten „postmetaphysischen“ Zeitalters gibt, dann liegt sie darin, dass es sich selbst von vielen Routinen prinzipieller Überlegungen in der Philosophie abgeschnitten hat.

Natürlich hat auch die Prinzipienforschung ihre Traditionen, auf die sie vermehrt achtet. Nicht zufällig gelten viele dieser Traditionen heute als rein historische Themen: der mächtigen Bewegung des Platonismus, der aristotelischen Frage nach der höchsten Ousia, ihren skeptischen und stoischen Begleitmelodien der Kaiserzeit und Spätantike verdanken wir einen Großteil des prinzipientheoretischen Vokabulars, das die gesamte Philosophie bis weit ins Zeitalter der Aufklärung hinein geprägt hat. Den Debatten der radikalen Frühaufklärung, die in den großen spekulativen Entwürfen des Deutschen Idealismus gipfeln und dafür durch Kants kritische Philosophie hindurchgegangen sind, verdanken wir die – bis heute – elaboriertesten Entwürfe zur Prinzipienfrage in der Philosophie. Der von Edmund Husserl angestoßenen phänomenologischen Bewegung, die in Philosophen wie Martin Heidegger, Eugen Fink oder Hans-Georg Gadamer berühmte, manchmal auch berüchtigte Nachfolger gefunden hat, verdanken wir das kritische Potenzial der Infragestellung prinzipieller Ansprüche. Insbesondere aus diesem Potenzial schöpft auch die französische Philosophie von Merleau-Ponty bis Derrida und Lyotard, während Philosophen wie Gilles Deleuze oder Theodor W. Adorno gerade in stetiger Abgrenzung von ihm ihre eigenen Positionen finden.

Doch unser Zentrum für Prinzipienforschung soll kein rein historisches Forschungszentrum sein – im Gegenteil. Im Bewusstsein einer reichen und vielgestaltigen Tradition interessiert uns die Prinzipienfrage vor allem mit Blick auf die Gegenwart. „Diskurs“ und „Debatte“ sind in den letzten Jahren wieder zu Problembegriffen geworden und sie beschreiben Gespräche und Auseinandersetzungen, die sich oft ums Prinzipielle drehen. Die wirtschaftliche Entwicklung stößt angesichts globaler Krisen an ihre Grenzen und sucht verstärkt in Metareflexionen nach Lösungen. Die Befürwortung autoritärer Regime steigt in ähnlichem Maße wie ein Verständnis für vermittelte Prinzipien in Republik und Demokratie schwindet. Prinzipienreflexion ist eine kritische Ressource für die Gegenwart, denn wo sie fehlt, enden auch noch so offen gestellte Fragen in einer Variante dessen, was sie zu überwinden hofften.

Dass prinzipielle Reflexion auch in der Philosophie, der akademischen wie der populären Philosophie, ein aktueller Trend ist, das zeigt die massive Aufmerksamkeit, die Ansätzen wie dem „Neuen Realismus“ entgegengebracht wird. Auch die Analytische Philosophie verlegt sich seit mehreren Jahren auf eine Vertiefung ihrer Prinzipienreflexion, in der „Analytischen Ontologie“ ebenso wie in verschiedenen Disziplinen mit der Vorsilbe „Meta-“ wie „Metaethik“ oder „Metaphilosophie“. Ob man darin gleich eine Rückkehr der Metaphysik sehen muss, sei dahingestellt. Auf jeden Fall zeigt es ein Desiderat an, dem sich die Philosophie paradigmenübergreifend bewusst geworden ist und das ihre Programmatiken entscheidend mitbestimmt.

Eines ist sicher: Wir haben viel vor. Wir möchten Philosoph:innen, Forscher:innen und Wissenschaftler:innen miteinander ins Gespräch bringen, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit Prinzipienfragen beschäftigen. Darüber hinaus möchten wir aber auch der philosophisch interessierten Öffentlichkeit unsere Diskussionen und Zugänge verfügbar machen. Geplant sind verschiedenste Formate, seien Sie gespannt!

Ihr
Daniel-Pascal Zorn

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