Wozu Prinzipienforschung? Editorial von Thomas Arnold

Im Prinzip könnten wir uns Prinzipientheorie doch sparen, oder? Prinzipien sind entweder

  • verdächtig (wenn sie lautstark verkündet, aber nicht befolgt werden),
  • nervig (wenn man sie reitet) oder
  • irrelevant (wenn wir es mit konkreten Problemen zu tun haben, bei denen uns Prinzipien auch nicht weiterhelfen).

In keinem Fall muss man länger darüber diskutieren. Und überhaupt sollten wir prinzipiell doch eher machen als denken!

Aber. Prinzipien entkommen wir nicht, indem wir sie leugnen oder ignorieren. Im Gegenteil, im Schatten unserer Ignoranz blühen sie erst auf – und nehmen eventuell Formen an, die so gar nicht hilfreich sind. Ein Prinzip ist nämlich etwas, wovon wir ausgehen (ein Anfang); etwas, wonach wir uns richten (eine Regel); etwas, das Geltung verleiht (ein Grund).

Prinzipien müssen dabei aber nicht ausdrücklich werden. Es kommt sogar oft vor, dass jemand ein Prinzip ausruft und verteidigt, aber einem ganz anderen Prinzip unausgesprochen folgt.

Ein gutes Beispiel bietet die Querdenker-Bewegung, die die Prinzipien in Anspruch nimmt, frei und kritisch zu denken und dabei der Wahrheit nachzuspüren (im Gegensatz zu den Schlafschafen) – betrachtet man aber ihr tatsächliches Verhalten, folgen sie nicht den Prinzipien des freien, kritischen Denkens (Widerspruchsfreiheit, Belegpflicht, Konsequenz etc.), sondern einem Prinzip, das sich zusammenfassen lässt als „Wir haben eh recht.“

Auf der anderen Seite sieht es übrigens nicht immer besser aus. Nicht jede Person, die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit propagiert (gerne aus der bequemen Position einer Professur heraus), folgt ihnen auch. Vielmehr kommt selbst hier durchaus immer wieder vor, dass das Prinzip jener Positionen im Grunde auch nur lautet: „Wir haben recht.“ (Wenn das vielleicht auch hinter vollmundigeren Formulierungen versteckt sein mag.)

Zu prüfen, welche Prinzipien geäußert, welche Prinzipien befolgt werden und in welchem Zusammenhang diese stehen, ist eine philosophische Möglichkeit, die wir immer haben, wenn von etwas ausgegangen wird, wenn einer Regel gefolgt wird oder wenn etwas Geltung verliehen wird (bzw. verliehen werden soll). Und das kommt in sehr vielen Bereichen menschlicher Tätigkeit vor. So gibt es nicht nur die großen, berühmten Prinzipien, die wir vage aus den Wissenschaften kennen, z.B. das Unschärfeprinzip oder das Pareto-Prinzip, sondern auch individuelle Prinzipien des alltäglichen Verhaltens, Prinzipien von Beziehungen, Prinzipien der Gesprächs- oder Unternehmensführung etc.

Ob etwas tatsächlich ein Prinzip ist, lässt sich dabei ebenso untersuchen wie die Frage, wie problematisch Prinzipien jeweils sind. Denn dass etwas überhaupt ein Prinzip ist, also zum Beispiel die Handlungen einer Person leitet, bedeutet ja nicht, dass es auch ein gutes Prinzip ist. Das Prinzip des Egoisten, den eigenen Nutzen zu maximieren, wo es geht, oder das Prinzip des Narzissten, den eigenen Selbstwert zu erhöhen, wo es geht, sind zum Beispiel sehr gefährlich für alle, die diesen Prinzipien geopfert werden könnten. Und sie sind auch nicht im Einklang mit anderen Prinzipien, die wir normalerweise für gültig halten, zum Beispiel die Forderung, die Würde aller Menschen zu wahren. „Das ist eben mein Prinzip!“ reicht als Verteidigung eines Prinzips nicht aus. Es gibt sinnvolle, menschenfreundliche, logische, sachlich angemessene, sozial förderliche Prinzipien; aber es gibt eben auch sehr gefährliche, dumme und böse Prinzipien.

Wie Prinzipien beschrieben, unterteilt und begründet werden können, sind wiederum Fragen der philosophischen Prinzipienforschung. Dabei kommt sie unweigerlich auch auf die eigenen Prinzipien zu sprechen – andernfalls würde sie ja auf ungeklärten Grundlagen aufbauen (und das wäre prinzipiell schlecht). Dabei entdeckt sie dann allerdings wieder allgemeinere Zusammenhänge; wenn die Philosophie zum Beispiel mit Begründungen und Belegen arbeitet, dann sind die Prinzipien für eine (gute) Begründung, die sie an sich selbst entdeckt, ebenso verbindlich für alle anderen Zusammenhänge, in denen etwas begründet und belegt werden soll. Das logische Prinzip vom ausgeschlossenen Widerspruch wäre etwa ein Kandidat für ein solches übergreifendes Prinzip.

Je nachdem, von welchem Zusammenhang wir ausgehen und welche Sprache wir verwenden, sehen die Ergebnisse der philosophischen Prinzipienforschung teilweise sehr unterschiedlich aus. Im Platonismus ist die Rede von Sein, Einheit oder dem Guten als Prinzip; der deutsche Idealismus führt vielleicht den Geist ins Feld; die analytische Philosophie Klarheit und Deutlichkeit als prinzipielle Kriterien; die Phänomenologie die präzise Beschreibung als methodisches Prinzip und das transzendentale Subjekt als Grund aller Erscheinung. Diese große Vielfalt sollte nicht verschleiern, dass es dabei gleichermaßen um prinzipielle Fragen geht, deren Antworten dementsprechend prinzipientheoretisch ins Gespräch gebracht werden können.

Wozu nun aber das Ganze? Wir wollen nicht leugnen, dass Prinzipien manchmal verdächtig, nervig oder irrelevant sein können. Abgesehen davon, dass solche Behauptungen aber jeweils zu prüfen wären, können wir doch festhalten, dass wir etwas verpassen, wenn wir das Nachdenken über Prinzipien ganz einstellen. Wir übersehen dadurch nämlich die Bedingungen, unter denen wir handeln und denken – d.h. das, was unsere Perspektive ausmacht. Platonisch überspitzt: Wenn wir die eigenen Prinzipien nicht bedenken, verstehen wir nicht, was wir denken, sagen und tun.

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